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Peru - Kinderlachen, Pachamama und der Geist der Inkas

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Mit einem 10 kg Rucksack inklusive Lonely Planet Peru, Cruz del Sur Busticket von Lima nach Huancayo, einer Adresse in Chupaca bei Huancayo (einem kleinen Dorf das selbst im Internet nur schwer zu finden war) und Kinderbüchern, Stiften und Buntpapier, damit flog ich vergangenen Sommer alleine Richtung Lima, der Hauptstadt Perus ab, mit Bauchkribbeln und unglaublicher Nervosität, was mich wohl in den nächsten 6 Wochen erwarten würde. 1 Monat Mitarbeit bei der Hilfsorganisation Peru Luz de Esperanza auf 3200 m Höhe mitten in den Anden Perus und rund zwei Wochen Erkundung und Kennenlernen des Landes, das war mein Vorhaben.

Ankunft in Lima

Nach zwei Sicherheitskontrollen am Flughafen um 5.30 Uhr früh nach 12 Stunden Katastrophen-Flug mit Air Comet (so viel ich weiß gibt es die Airline nicht mehr, was mich nicht wundert und worüber ich für alle weiteren Reisenden sehr froh bin) trat ich endlich am Flughafen von Lima ins Freie und 10 Taxifahrer stürzten sich sogleich auf mich um mich für aus ihrer Sicht "großzügige" 40 Dollar in die Innenstadt zu bringen. Für 15 Dollar nahm ich mir dann ein Taxi an der Hauptstraße ausserhalb des Flughafengeländes. 2 Fahrminuten später wurden wir von einem Polizisten zur Fahrzeug- und Ausweiskontrolle angehalten. Ich hatte Glück, das Taxi war legal und angemeldet und wir konnten weiterfahren.

Die erste Orientierung in der 7-Millionen Einwohner Stadt Lima mit all ihren verschiedenen Vierteln und dem auf den ersten Blick chaotischen Verkehr fällt nicht leicht aber ich habe ihn dann doch gefunden, den Plaza de Armas, Herzstück Limas. Der im Vergleich zu den vielen weiteren doch ein wenig verwahrlosten Plätzen wirklich ansprechende "Hauptplatz" Limas, umgeben von beeindruckenden Kolonialbauten, ist unbedingt einen Besuch wert. Auch die Straßen rund um den Plaza mit vielen Geschäften und Lokalen oder das Chinesenviertel gleich anschließend laden zu einer Erkundungstour ein. 

Lima selbst ist übervölkert, schmutzig, voll von Menschen aus dem Umland, die in der Stadt auf mehr Geld hoffen und leider auch Touristenabzockern. In die erste Falle ging ich gleich nach der Ankunft beim Geldwechseln bei einer Casa de Cambio für Touristen. Wie ich erst später auf meiner Reise erfuhr und selbst entdeckte, sind die Geldwechsler sehr geschickt im Vorzählen des gerade gewechselten Geldes, dass wenn man selbst nachzählt oder nicht nachzählt doch weniger wird. Ein bis zwei Tage in der Stadt reichen fürs Erste und so freute ich mich, am nächsten Tag ab in die Anden zu fahren ...

von Lima nach Chupaca l Huancayo

Um 7 Uhr früh ging es mit dem Bus nach einer von der Busgesellschaft gemachten Videokamera-Aufnahme aller Businsassen und Gepäckskontrolle 8,5 Stunden lang teilweise steile Serpentinenstraßen hinauf mitten in die Anden Perus. Ich wunderte mich, wieso andere Busgesellschaften günstiger waren als Cruz del Sur und trotzdem auch schneller. Jetzt weiß ich, dass schnell und günstig nicht unbedingt Qualität bedeutet. Nicht selten purzelt ein Bus einen Hang der steilen Bergstraßen hinunter. In Huancayo holte mich Nilton, der zusammen mit seiner Frau Initiator der Organisation Peru Luz de Esperanza ist, am Busbahnhof ab und wir nahmen ein Taxi in das 20 Minuten entfernte Dorf Chupaca. Mein Herz schlug bis zum Kopf - vor Aufregung aber auch die Höhenkrankheit machte mir zu schaffen. Mir war übel, ich hatte Kopfschmerzen, damit hatte ich nicht gerechnet, sonst hätte ich auch die noch in Lima in einer Apotheke vorsorglich gekaufte Tablette genommen, die in meinem Rucksack gut verpackt wartete.

Chupaca l Mitarbeit bei Peru Luz de Esperanza

Ich wohnte bei Nilton und Niltons Frau Ellie zusammen mit zwei weiteren Volontären. Es war sehr nett aber doch anders als gewohnt. Das merkte ich vor allem nach meiner ersten kalten Dusche im provisorischen Bad draussen im Innenhof des Hauses mit Aussentemperatur in der Früh von gefühlten 0 Grad Celsius. Wasser gab es nur bis 10 Uhr vormittags und abends daher musste alles gut eingeteilt werden und auch die WC-Spülung bestand zeitweise aus einem Kübel Wasser. Gleich lernte ich die vier Schulen im Umland von Chupaca kennen, die Peru Luz de Esperanza betreut und in denen ich die nächsten Wochen auch selbst unterrichten sollte. Ich muss gestehen, zunächst war ich schockiert über den Zustand und die Ausstattung der Klassen. So viel an geballter Armut hatte ich nicht erwartet. Nilton erklärte mir, die Schulen würden für Kinder organisiert, die sonst nicht zur Schule gehen könnten, da sich die Eltern Schuluniformen und Schulausstattung nicht leisten können oder Geld hierfür nicht als sinnvoll ersehen. 70 Prozent der Bevölkerung in den Bergdörfern um Chupaca leben in Armut, es gibt oft keinen Strom und kein fließendes Wasser. Frauen, die Kleider im Fluss waschen, war für mich bald alltäglich. Viele Kinder sind mangelernährt. Schulbildung tritt in den Hintergrund da auf die Kinder im Erwachsenenalter ohnehin die Arbeit auf dem Feld wartet.

Mein erster Schultag war überwältigend. Ich wurde von allen Kindern umarmt und mit dicken Küssen auf die Wange begrüßt. Der Unterricht gestaltete sich anders als bei uns. Die Kinder sind um einiges lebendiger, können kaum eine halbe Stunde ruhig sitzen, möchten ständig Pausen, Spiele und Abwechslung. Auch sind die Niveaus innerhalb einer Klasse unterschiedlich, was die Koordination nicht einfach macht. Aber es machte riesigen Spaß und die Kinder waren unglaublich. Vor allem "mein" Kindergarten hat es mir angetan. Es waren die süßesten Kinder von 3 bis 5 Jahren, mit denen wir bastelten, spielten, sangen und tanzten. Highlight für mich war immer das gemeinsame Händewaschen vor dem Unterricht und das Mandarinenessen in der Pause. Das versteht nur, wer es selbst miterlebt...

Ausflug für ein Wochende in den Regenwald um Chunchamayo l La Merced

La Selva, wie der Regenwald in Peru genannt wird, ist unbedingt einen Besuch wert. Es gibt Typisches wie traumhafte Wasserfälle, Regenwald-Wanderpfade, Lamas und Alpacas, Papageien, bunte Märkte aber wir konnten auch ein wenig die Traditionen der Menschen dort kennenlernen. Aberglaube und Geistergeschichten sind noch weit verbreitet. Die Menschen verehren Pachamama, die Mutter Erde und werden von vielen Bräuchen und Traditionen begleitet, die auch uns immer wieder begegneten. Es liegt viel Geheimnisvolles über der Region aber auch nirgendwo anders in Peru habe ich so lebensfrohe und lustige Menschen getroffen, die keinen Anlass auslassen um zu feiern und zu tanzen.

Abschied von Peru Luz de Esperanza

Nach vier Wochen bei den Kindern, unzähligen handgeschriebenen neuen Englisch-Übungsblättern und ausgedachten Spielen, fiel der Abschied an meinem letzten Schultag besonders schwer, vor allem als die Kinder für mich noch extra Papa a la Huancayina (Kartoffeln mit Sauce, eine Spezialität der Region) gekocht hatten und mir Abschiedsbriefchen überreichten.

Jeden Samstag ist in Chupaca Markttag, riesig und bunt, beginnend um 6 Uhr früh mit einem riesigen Tauschmarkt, auf dem alles nur Erdenkliche getauscht wird wie Schafe gegen Säcke mit Reis, Werkzeugschrauben oder die peruanische Delikatesse Meerschweinchen. Alle Bewohner aus den umliegenden Bergdörfern treffen sich in Chupaca um den Tag gemeinsam auf dem Markt zu verbringen, zu kaufen und zu verkaufen, zu essen, Neuigkeiten auszutauschen, zu feiern... Am Abend geht es mit vollbepackten Bussen mit Tieren und Säcken am Dach und im Gepäcksraum wieder zurück nach Hause. Wer peruanisches traditionelles Leben miterleben möchte, für den ist der Markt in Chupaca ein Muss!

über Lima nach Cuzco

Es gibt Flüge aber ich wählte die günstigere und doch unerwarteterweise nicht ganz unbequeme Variante, 24 Stunden im Bus nach Cuzco zu fahren. Mir war keine Minute langweilig bei all dem, was ich durch die Fenster sah. Wer nach Peru reist, kommt in die ehemalige Hauptstadt des Inkareichs, nach Cuzco. Selten habe ich eine so interessante Stadt gesehen. Kleine noch von den Inkas gepflasterte Gässchen, viele nette Straßenlokale, Unmengen an Einkaufsmöglichkeiten und die Geschichte und Zeugnisse der Inkas begegnen einem an jeder Straßenecke. In Cuzco ist es nicht leicht, eine gute und preiswerte Unterkunft zu finden. Ich kann ein Hostel wärmstens empfehlen: Hospedaje Turistico Recoleta. Es ist günstig, liegt im Stadtzentrum, ist sauber und wirklich nett eingerichtet und die Angestellten dort sind auffällig freundlich und hilfsbereit.

Cuzco ist Ausgangspunkt zur berühmten und sagenumwobenen Ruinenstadt Machu Piccu, oder verlorenen Stadt der Inkas, wie die faszinierende Sehenswürdigkeit auch genannt wird. Es gibt viele kostspielige Möglichkeiten mit organisierten Touren dorthin zu kommen oder man macht sich mit Bus und Zug selbst in aller Früh auf den Weg, was meine Wahl war. Von Cuzco brach ich gegen 6 Uhr mit dem Bus (2 Dollar) und 45 Minuten Fahrt nach Calca auf. Von dort ging es vom Busbahnhof und einmal umsteigen weiter ins Heilige Tal/Sacred Valley nach Urubamba und von dort weiter nach Ollantaytambo. Für alle FRANGLES: Wenn ihr schon im Sacred Valley seid, schaut doch bei der Organisation Peruvian Hearts vorbei. Die Kinder freuen sich!

Ollantaytambo

Von Ollantaytambo fährt der Zug von Peru Rail weiter nach Aguas Calientes, dem nächsten Ort bei Machu Picchu, von wo man am nächsten Tag in der Früh nach Machu Picchu aufbricht. Der Zug fährt auch direkt von Cuzco nach Aguas Calientes, was allerdings um einiges teurer ist. Es ist ratsam, den Zug möglichst früh online direkt auf der Peru Rail Website zu buchen da er sonst an eurem geplanten Tag ausgebucht oder viel zu teuer ist. Aguas Calientes ist nicht besonders schön, man kommt allerdings nicht umhin, wenn man Machu Picchu besuchen möchte, aber die Anreise mit dem Zug durch wunderschöne Schluchten, eigentümlichen Berglandschaften und ersten Inkaruinen hat doch einen abenteuerlichen Charakter und hebt die Spannung für den nächsten Tag, dem Besuch der Ruinenstadt.

Machu Picchu

Die Busse von Aguas Calientes nach Machu Picchu starten um halb 6 Uhr früh den halsbrecherisch kurvigen und steilen Weg hinauf, die Schlangen bei der Bushaltestelle starteten bereits um halb fünf Uhr. Ich hatte das Glück, bei den ersten dabei zu sein, so konnte ich am Eingang von Machu Picchu auch noch die limitierten Tickets für den Inka-Weg zum gegenüber der Ruinenstadt liegenden Berg Wayna Picchu ergattern. Die Wanderung über die alten Stiegen und Wege ist nicht unanstrengend aber der unglaubliche Ausblick belohnt. Der erste Blick von oben auf die Inkastadt, wenn der morgendliche Nebel über den Ruinen langsam verschwindet, ruft Gänsehaut hervor. Ich fühlte mich total überwältigt von dieser so geschichtsträchtigen und beeindruckenden Stätte.

Am Abend ging es nach einem wirklich tollen Tag in Machu Picchu zurück nach Cuzco.

Puno l Titicacasee mit Islas Flotantes Uros und Isla Taquile

 

Vom Terminal Terestre in Cuzco ging meine Reise nach Puno, zum nächsten Höhepunkt, dem Titicacasee, dem höchsten befahrenen See der Welt auf rund 3800 m.
Es lohnt auf alle Fälle, eine Tages- oder, wenn mehr Zeit ist, auch Zwei-Tagestour inklusive Übernachtung auf einer der Inseln im See zu buchen. Ich bin kein Freund von organisierten Touren aber in diesem Fall war ich froh, da ich so, viel mehr sehen und erfahren konnte.

Ich entschied mich für die Islas Flotantes (schwimmende Schilfdörfer) und die Isla Taquile, einer Insel im See, die noch sehr an ihren Traditionen, eigentümlichen Kleidung und den Werten der Stammesgruppe festhält. Es wird Quechua gesprochen, es gibt keine Autos, keinen Strom, dafür viele kleine Gässchen und Zeugnisse aus der Inka-Zeit. Die Insel ist bezaubernd. Frauen tragen lange bunte Röcke und eine lange schwarze Kopfbedeckung mit einer bunten Quaste. Unser Guide erzählte uns, unverheiratete Frauen verstecken darin einen Stein, mit dem sie nach dem Mann werfen, der ihnen besonders gut als Ehemann gefallen würde. Ist der Mann einverstanden mit einer Heirat, wirft er einen Stein zurück. Bevor allerdings wirklich geheiratet werden darf, tritt der Familienrat mit einem Schamanen zusammen und berät über das Paar. Männer stricken übrigens auf der Insel. Ein anderer Brauch, der mir besonders gut gefallen hat, ist, die junge Ehefrau, schneidet für die Hochzeit ihre langen dunklen Haare ab. Der Mann strickt sie in einen Gürtel ein und trägt diesen Gürtel dann sein ganzes Leben lang. Man fühlt sich wie in eine andere Welt und Zeit versetzt.

Was mich am meisten am Titicacasee fasziniert hat, waren diese unglaublichen Farben, die ich in Peru schon so oft  als besonders kräftig und schön empfunden hatte, aber das Wasser hatte ein überwältigendes blau, die Sonne und das gelbe Schilf spiegelten sich darin. Ich habe solche Farben vorher noch nie gesehen.

Arequipa

Mein letzter Stopp vor meiner Reise zurück nach Lima war Arequipa oder die weiße Stadt, wie sie auch genannt wird. Die Stadt ist umgeben von hohen Bergen, im Hintergrund thront der 5800 m hohe und schneebedeckte Vulkan "El Misti". Es macht Spaß, einen Tag lang herumzuspazieren, das eine oder andere Museum zu besuchen, in einem der vielen netten Restaurants zu verweilen oder einzukaufen. Mir erschien Arequipa als die mit Abstand beste Stadt für eine Shopping-Tour, abgesehen vom riesigen Samstags-Markt in Chupaca natürlich.

Lima l Miraflores

Nach einem Tag in Lima am Strand im reicheren Stadtteil Miraflores, der ganz nett ist, wenn man die Schnellstraße ignoriert, die direkt am Strand entlangführt und man nicht Bekanntschaft mit dem schmutzigen Meerwasser macht, ging es wieder nach Hause. Mit einem Rucksack von ungefähr 20 kg, wunderschönen neuen Bildern im Kopf, tollen Eindrücken und Erinnerungen, die mich fasziniert, bewegt und unter anderem auch dazu gebracht haben, zusammen mit Werner das Hilfsprojekt FRANGLE auf die Beine zu stellen.

Evelyn, August/September 2009

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